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Historische Anstriche: Kalk, Leinöl, Kasein, Silikat

Licht

Welche Farben zu alten Wänden, Fenstern und Türen passen, wie du vorhandene Anstriche erkennst und warum Dispersionsfarbe im Altbau so oft Ärger macht.

Eine Farbe besteht aus Pigment, das die Farbe gibt, und Bindemittel, das das Pigment am Untergrund festhält. Über das Verhalten an der Wand entscheidet fast allein das Bindemittel: ob Feuchte durchkommt, ob der Anstrich kreidet oder abblättert, ob man ihn in zwanzig Jahren einfach überstreichen kann. Die alten Bindemittel waren Kalk, Leim, Milcheiweiß und Leinöl. Alle vier gibt es noch, und alle vier passen besser zum alten Haus als das meiste aus dem Eimer im Baumarktregal.

Die Anstriche im Überblick

Anstrich Bindemittel Passt auf Eigenschaften Eigenleistung
Kalkfarbe Sumpfkalk Kalkputz, Lehmputz, Stein sehr offen, alkalisch, matt, kreidet leicht gut machbar, Schutzbrille
Leimfarbe Pflanzen- oder Tierleim Innenputz, Decken offen, samtig, wasserlöslich gut machbar
Kaseinfarbe Milcheiweiß, mit Kalk aufgeschlossen Putz innen, Holz innen offen, wischfest, matt machbar, frisch ansetzen
Leinölfarbe Leinöl, Leinölfirnis Holz, Eisen elastisch, wetterfest, trocknet langsam machbar mit Geduld
Silikatfarbe Kaliwasserglas mineralischer Putz, Stein sehr dauerhaft, offen, nicht umkehrbar anspruchsvoll, ätzend

Kalkfarbe

Der Anstrich, der Jahrhunderte lang auf praktisch jeder Wand war: Sumpfkalk, mit Wasser verdünnt, mehrmals dünn gestrichen. Kalkfarbe erhärtet an der Luft zu einer hauchdünnen Kalksteinschicht, ist maximal diffusionsoffen und durch ihren hohen pH-Wert schimmelfeindlich. Ställe, Keller und Küchen wurden deshalb regelmäßig geweißelt. Außen wittert sie langsam ab und wird alle paar Jahre erneuert. Abtönen kann man sie nur mit kalkechten Pigmenten, vor allem Erdfarben, und nur in begrenzter Menge. Kräftige Töne gibt Kalk nicht her, daher die typischen hellen, gebrochenen Farben alter Fassaden. Verarbeitung und Arbeitsschutz stehen im Beitrag Kalk.

Leimfarbe

Kreide und Pigmente, gebunden mit Leim: die klassische Farbe für Stubendecken und Wände, oft mit Schablonenmustern und Strichen verziert. Leimfarbe ist samtig matt, billig und bleibt wasserlöslich. Das ist ihr Prinzip: Vor einem Neuanstrich wird sie abgewaschen, statt Schicht auf Schicht zu wachsen. Wer einfach drüberstreicht, erlebt, wie sich die neue Farbe mitsamt der alten ablöst.

Kaseinfarbe

Kasein ist das Eiweiß aus Magermilch oder Quark. Mit etwas Kalk aufgeschlossen wird daraus ein erstaunlich kräftiger Leim, der nach dem Trocknen weitgehend wasserfest ist. Kaseinfarben sind matt, wischfest und offen. Man findet sie auf Putz ebenso wie auf Holzdecken, Vertäfelungen und Bauernmöbeln. Angesetzte Farbe verdirbt schnell, also nur so viel anrühren, wie am selben Tag verstrichen wird. In dauerfeuchten Räumen kann das Eiweiß schimmeln.

Leinölfarbe

Für alles aus Holz, das draußen hängt: Fenster, Läden, Türen, Tore, dazu Beschläge und Gitter. Leinöl trocknet nicht durch Verdunsten, sondern reagiert mit Luftsauerstoff. Das dauert Tage pro Schicht. Die Farbe dringt ins Holz ein, bleibt elastisch und blättert nicht ab, sondern wittert über Jahre matt ab und kreidet. Dann wird mit Öl aufgefrischt oder dünn überstrichen, ohne abzuschleifen. Genau deshalb haben alte Fenster mit Leinölanstrich hundert Jahre überlebt. Mehr dazu unter Historische Fenster.

Das berühmte „Ochsenblut” an Balken und Möbeln ist übrigens in den allermeisten Fällen schlicht Eisenoxidrot in Öl oder Kasein.

Ein Sicherheitshinweis, der ernst gemeint ist: Mit Leinöl getränkte Lappen können sich selbst entzünden. Nie zusammenknüllen und liegen lassen. Ausgebreitet im Freien trocknen lassen oder in einem geschlossenen Metallbehälter unter Wasser aufbewahren.

Silikatfarbe

Die jüngste der historischen Farben, seit dem späten 19. Jahrhundert auf dem Markt. Das Bindemittel Wasserglas reagiert chemisch mit mineralischem Untergrund und wird ein Teil davon, man sagt, es „verkieselt”. Das Ergebnis ist extrem wetterfest, lichtecht und diffusionsoffen. Silikatfarbe funktioniert nur auf mineralischem Grund, also auf Kalk- und Kalkzementputz, Stein und Beton. Auf Holz, Gips und alten Kunstharzanstrichen hält sie nicht. Reine Silikatfarben werden aus zwei Komponenten angesetzt und sind etwas für Geübte. Dispersionssilikatfarben enthalten einen kleinen Kunstharzanteil und lassen sich leichter verarbeiten.

Wasserglas ist ätzend und greift Glas, Fliesen, Naturstein und Metall an. Fenster und Böden gründlich abdecken, Spritzer sofort abwaschen, Schutzbrille und Handschuhe tragen. Und: Einmal verkieselt, geht Silikatfarbe nie wieder ab. Auf wertvollen historischen Putzen mit alten Farbfassungen ist das ein Argument für Kalk.

Vorhandene Anstriche erkennen

  • Kalk: Matt, kreidet leicht ab, viele dünne Schichten. Ein Wassertropfen zieht ein und färbt die Stelle dunkler.
  • Leimfarbe: Färbt beim Drüberwischen mit dem nassen Schwamm stark ab und lässt sich abwaschen.
  • Ölfarbe: Glatt, leicht glänzend oder speckig, im Alter mit feinem Rissnetz oder würfelig aufgebrochen wie Krokodilhaut.
  • Silikat: Matt, hart, nicht abwaschbar, kein Film.
  • Dispersions- und Latexfarbe: Bildet einen zusammenhängenden Film. Wasser perlt ab oder bleibt stehen, abgelöste Stücke sind gummiartig und lassen sich wie eine Haut abziehen.

Bevor du in einem alten Haus alles abkratzt: An einer unauffälligen Stelle vorsichtig Schicht für Schicht freilegen. Unter zehn Lagen Weiß steckt manchmal eine Schablonenmalerei, ein farbiger Sockelstrich oder das ursprüngliche Fassadenrot. Bei einem Denkmal ist eine solche Befunduntersuchung Aufgabe eines Restaurators und mit der Denkmalbehörde abzustimmen.

Warum Dispersionsfarbe im Altbau Ärger macht

Seit etwa den 1960er-Jahren wird fast alles mit Kunstharzdispersionen gestrichen. Im Neubau auf trockenen Wänden ist das kein Problem. Auf altem Mauerwerk schon: Der Kunststofffilm bremst die Verdunstung. Feuchte, die durch die Wand wandert, staut sich hinter dem Anstrich, löst Salze, und irgendwann hebt sich die Farbe in Blasen und Schollen ab, gern mitsamt der obersten Putzschicht. Innen bietet der organische Film an kühlen Außenwänden dem Schimmel Nahrung, die ihm Kalk nie geboten hätte, siehe Schimmel im Altbau.

Bei der Auswahl hilft der sd-Wert im technischen Datenblatt. Er gibt an, wie stark eine Schicht den Wasserdampf bremst, ausgedrückt als Dicke einer gleich stark bremsenden Luftschicht. Je kleiner, desto offener. Kalk- und Silikatfarben liegen im Bereich weniger Zentimeter, manche Fassaden- und Latexfarben um ein Vielfaches darüber. Das Wort „atmungsaktiv” auf dem Eimer sagt dagegen gar nichts.

Als Grundregel gilt: Der Anstrich passt zum Untergrund, und die Schichten werden von innen nach außen weicher und offener, nie härter und dichter. Kalk auf Kalk, Silikat auf mineralischen Putz, Leinöl auf Holz, Lehm-, Kalk- oder Kaseinfarbe auf Lehm. Den Aufbau darunter beschreibt der Beitrag Putz und Fassade.

Vorsicht, Gift: alte Pigmente

Alte Ölfarben enthalten häufig Blei, als Bleiweiß im weißen Fensterlack oder als orange Mennige im Rostschutz. Im 19. Jahrhundert waren außerdem arsenhaltige Grüntöne in Mode, das bekannteste trägt ausgerechnet den Namen einer fränkischen Stadt: Schweinfurter Grün. Solange solche Anstriche fest sitzen, passiert nichts. Gefährlich wird der Staub beim trockenen Schleifen und der Rauch beim Abbrennen. Alte Lacke auf Fenstern, Türen und Vertäfelungen deshalb nicht einfach abschleifen oder mit der Heißluftpistole bearbeiten, sondern im Zweifel eine Probe ins Labor geben und die Entfernung einem Fachbetrieb überlassen. Hintergründe unter Schadstoffe im Altbau.

Typische Fehler

  • Dispersionsfarbe auf Kalk- oder Lehmputz.
  • Silikat- oder Kalkfarbe auf alten Dispersionsanstrich. Beides braucht mineralischen Grund und hält auf Kunstharz nicht.
  • Leimfarbe überstreichen, statt sie abzuwaschen.
  • Leinölfarbe dick auftragen. Dann bildet sich eine Haut, darunter bleibt sie wochenlang weich und wirft Runzeln.
  • Alte Fenster mit dickem Acryllack „versiegeln”. Wasser dringt an Rissen und Kittfugen trotzdem ein und kommt nicht mehr heraus.
  • Alles bis auf den Grund abschleifen und damit die Geschichte des Hauses und womöglich Bleistaub im ganzen Zimmer verteilen.

Kurz gesagt

  • Das Bindemittel entscheidet: Kalk, Leim, Kasein und Silikat für Wände, Leinöl für Holz und Eisen.
  • Historische Anstriche sind diffusionsoffen und lassen sich pflegen, statt abzublättern.
  • Erst prüfen, was drauf ist: Wassertropfen, nasser Schwamm, Blick auf die Bruchkante.
  • Dispersionsfarbe auf feuchtebelasteten alten Wänden führt früher oder später zu Blasen, Abplatzungen oder Schimmel.
  • Kalk und Wasserglas sind ätzend, Leinöllappen brandgefährlich, alte Lacke oft bleihaltig.
  • Vor dem Abkratzen nach älteren Farbfassungen schauen, beim Denkmal mit Restaurator.

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