Lehmputz, Lehmsteine, Strohlehm und Lehmwickel: was der älteste Baustoff im Haus leistet, wo seine Grenzen liegen und wie du ihn reparierst.
Lehm lag fast überall vor der Haustür und hat nichts gekostet außer Arbeit. Deshalb steckt er in alten Häusern an mehr Stellen, als man zunächst vermutet: in Wänden, Decken, Böden, Fugen und rund um den Ofen. Wer ihn beim Entkernen als „Dreck” in den Container schaufelt, wirft einen der besten Baustoffe weg, die das Haus zu bieten hat.
Was Lehm ist und warum er hält
Lehm ist ein natürliches Gemisch aus Ton, Schluff (Feinstsand) und Sand. Der Ton ist das Bindemittel, der Rest das Gerüst. „Fetter” Lehm hat viel Ton, klebt gut, schwindet aber beim Trocknen stark und reißt. „Magerer” Lehm hat wenig Ton und bröselt. Die Alten haben den Grubenlehm deshalb mit Sand abgemagert oder mit Stroh, Häcksel, Spreu und Tierhaaren armiert.
Der entscheidende Unterschied zu Kalk oder Zement: Lehm bindet nicht chemisch ab. Er wird nur durch Trocknen fest und mit Wasser jederzeit wieder weich. Das ist seine größte Stärke, denn er lässt sich beliebig oft reparieren und wiederverwenden. Es ist zugleich seine größte Schwäche, denn Dauernässe hält er nicht aus.
Die wichtigsten Lehmbaustoffe im Bestand
| Baustoff | Aufbau | Wo im Haus |
|---|---|---|
| Strohlehm | Lehm mit reichlich Stroh, teils als Bewurf auf Flechtwerk | Ausfachungen im Fachwerk, Innenwände, Deckenfüllungen |
| Lehmwickel | Stakhölzer, mit Strohlehm-Zöpfen umwickelt | Zwischen den Balken von Holzbalkendecken |
| Lehmsteine | Ungebrannte, luftgetrocknete Steine | Ausfachungen, Innenwände, teils ganze Wände |
| Lehmputz | Unterputz mit Faser, feiner Oberputz | Innenwände und Decken, oft unter vielen Kalkschichten |
| Lehmschlag, Stampflehm | Verdichteter, erdfeuchter Lehm | Böden in Tenne, Keller und Flez, Auffüllung über Fehlböden |
| Lehmmörtel | Lehm mit Sand | Mauerfugen in Bruchstein- und Ziegelwänden, Ofenbau |
Ausfachungen: Im Fachwerk stecken zwischen den Hölzern senkrechte Staken, die mit Ruten ausgeflochten und beidseitig mit Strohlehm beworfen wurden. Außen kam ein dünner Kalkputz als Wetterschutz darüber. Spätere Reparaturen nutzten oft Lehmsteine.
Lehmwickel in Decken: Gespaltene Hölzer wurden mit strohreichen Lehmzöpfen umwickelt und dicht an dicht in Nuten oder auf Leisten zwischen die Deckenbalken geschoben. Unten glatt verstrichen und gekalkt, oben mit Schüttung und Dielen bedeckt, entsteht eine schwere Decke mit erstaunlich gutem Schall- und Brandschutz. Mehr dazu unter Holzbalkendecken.
Lehmmörtel wird gern übersehen. Viele Bruchsteinmauern und auch Ziegelwände auf dem Land sind mit Lehm statt mit Kalk gemauert, nur der Putz ist aus Kalk. Wer so eine Wand unter Wasser setzt, etwa durch eine undichte Dachrinne, wäscht ihr mit der Zeit den Mörtel aus den Fugen.
Eigenschaften: der Feuchtepuffer
- Feuchtepuffer: Lehm nimmt Wasserdampf aus der Raumluft sehr schnell auf und gibt ihn ebenso schnell wieder ab. Die Luftfeuchte im Raum schwankt dadurch weniger. Nach dem Kochen oder Duschen beschlägt weniger, im Winter wird die Luft nicht so schnell trocken.
- Holzschutz ganz ohne Chemie: Trockener Lehm hält umschlossenes Holz trocken. Balken, die seit 300 Jahren in Lehm stecken, sind oft in besserem Zustand als solche, die vor 40 Jahren einbetoniert wurden.
- Diffusionsoffen und kapillaraktiv: Wasserdampf und flüssiges Wasser wandern durch Lehm hindurch und können an der Oberfläche verdunsten.
- Masse: Massiver Lehm ist schwer. Er speichert Wärme, dämpft Schall und bremst im Sommer die Hitze. Dämmen kann er kaum. Nur Leichtlehm mit viel Stroh, Holzhackschnitzeln oder anderen leichten Zuschlägen hat eine nennenswerte, aber immer noch bescheidene Dämmwirkung.
- Festigkeit: Gering im Vergleich zu gebranntem Ziegel. Für Ausfachungen, Putze und Füllungen reicht sie völlig aus.
- Grenze Wasser: Spritzwasser, Schlagregen, aufsteigende Feuchte und Rohrbrüche weichen Lehm auf. Im Duschbereich, am Sockel und an der ungeschützten Wetterseite hat er nichts verloren.
Woran du Lehm erkennst
Lehm ist ocker bis braun, manchmal grau, und fast immer sind Strohhalme, Häcksel oder Tierhaare zu sehen. Er lässt sich mit dem Fingernagel ritzen und riecht beim Anfeuchten erdig. Der sicherste Test: ein Bröckchen in ein Glas Wasser legen. Lehm zerfällt innerhalb von Minuten zu Schlamm, Kalk- und Zementmörtel bleiben, was sie sind. Unter vielen Kalkanstrichen alter Stuben liegt Lehmputz, den man erst bemerkt, wenn man ein Loch für den Dübel bohrt und braunes Mehl herausrieselt.
Verarbeitung heute
Lehm ist der dankbarste Baustoff für Eigenleistung. Er ätzt nicht, bindet nicht im Eimer ab und verzeiht Fehler: Was misslingt, wird nass gemacht und neu verstrichen.
Das kannst du nach etwas Übung selbst:
- Risse und Löcher im Lehmputz ausbessern, neue Lehmputze innen aufziehen.
- Alten Lehm wiederverwenden. Ausgebauten, sauberen Lehm zerkleinern, in Wasser einsumpfen, mit Sand und Stroh neu abstimmen. Ausnahme: Lehm aus Stallwänden und aus sichtbar versalzenen Bereichen ist mit Nitraten und anderen Salzen belastet und gehört nicht zurück an die Wand. Näheres unter Salze und Ausblühungen.
- Kleine Fehlstellen in Ausfachungen mit Strohlehm oder Lehmsteinen schließen.
Worauf es ankommt: Lehm haftet nur mechanisch. Der Untergrund muss rau, fest und vorgenässt sein; auf Holz braucht es einen Putzträger, klassisch Schilfrohrmatten. Putz in mehreren Lagen auftragen und jede Lage durchtrocknen lassen. Lehm trocknet ausschließlich über die Luft, also für Durchzug sorgen, notfalls mit Bautrockner. Bleibt eine dicke, strohreiche Lage wochenlang nass, schimmelt das Stroh. Bei Frost wird nicht verputzt.
Beim Rückbau staubt Lehm gewaltig. Eine gute Staubmaske ist das Mindeste. Alte Deckenfüllungen enthalten außerdem nicht nur Lehm, sondern oft Schlacke, Bauschutt, Mäusenester und gelegentlich Schlimmeres. Bei Verdacht lässt du vorher eine Probe untersuchen.
Das gehört in Fachhände: alles Tragende, das Öffnen und Neuausfachen ganzer Fachwerkwände, Eingriffe in Lehmwickeldecken (sie sind schwer, und die Balken darunter sind darauf ausgelegt, aber nicht auf beliebige Zusatzlasten) sowie Wandheizungen im Lehmputz, die ein Heizungsbauer und ein erfahrener Putzer gemeinsam planen sollten. Warum die Kombination so beliebt ist, steht unter Heizung im Altbau.
Verträglichkeit
Lehm und Holz sind das ideale Paar. Lehm und Kalk vertragen sich ebenfalls gut: Kalkputz außen auf der Lehmausfachung ist die klassische Lösung, innen schützt ein Kalkanstrich den Lehmputz vor Abrieb. Damit der Kalkputz hält, wurde die Lehmoberfläche früher mit Löchern oder Rillen aufgeraut.
Als Anstrich eignen sich Lehmfarbe, Kalkfarbe und Kaseinfarbe. Dispersions- und Latexfarben, Vinyltapeten und Fliesen auf Lehm machen den Feuchtepuffer zunichte. Wo im Bad Wasser hinspritzt, kommt statt Lehm ein Kalkputz an die Wand, der Rest des Raums kann durchaus Lehm bleiben.
Zement verträgt sich mit Lehm gar nicht. Zementputz ist viel härter und dichter als der Untergrund, er schert ab, reißt an den Holzanschlüssen und hält das eingedrungene Wasser dann in der Wand. Der Lehm dahinter wird weich, das Holz fault. Das ganze Elend beschreibt der Beitrag Zement im Altbau.
Typische Fehler
- Intakte Lehmausfachungen und Deckenfüllungen herausreißen, weil sie alt aussehen. Damit gehen Masse, Schallschutz und Feuchtepuffer verloren, und der Ersatz kostet Geld.
- Zementputz oder Zementmörtel auf Lehm.
- Dichte Anstriche und Beläge auf Lehmputz.
- Lehm am Sockel und im Spritzwasserbereich.
- Zu dicke Putzlagen ohne Trocknungszeit.
- Dübel wie im Beton setzen. Schwere Lasten gehören ins Holz oder brauchen lange Schrauben und passende Befestigungen.
Kurz gesagt
- Lehm wird nur durch Trocknen fest und bleibt wasserlöslich: beliebig reparierbar, aber empfindlich gegen Nässe.
- Er puffert Luftfeuchte, schützt Holz und bringt Masse ins Haus. Dämmen kann er kaum.
- Im Bestand steckt er in Ausfachungen, Decken, Putzen, Böden und oft auch als Mörtel in den Mauerfugen.
- Glas-Wasser-Test: Lehm zerfällt, Kalk und Zement nicht.
- Reparieren und wiederverwenden statt entsorgen, versalzenen Stall-Lehm ausgenommen.
- Niemals mit Zement oder dichten Anstrichen kombinieren.