Welche Schadstoffe in alten Häusern stecken, aus welcher Zeit sie stammen, wo sie sitzen – und warum die Probe vor dem Bohren kommt.
Das wirklich alte Haus – Kalk, Lehm, Holz, Stein – ist von Haus aus erstaunlich schadstoffarm. Die Probleme kamen mit den Modernisierungen des 20. Jahrhunderts: der neue Bodenbelag von 1968, die Dachstuhlbehandlung von 1975, die Fassadenplatten, der Nachtspeicherofen. Fast alle diese Stoffe sind harmlos, solange sie in Ruhe gelassen werden, und gefährlich, sobald jemand bohrt, schleift oder herausreißt. Genau das hast du vor. Deshalb kommt die Erkundung vor dem ersten Werkzeug.
Die Grundregel
Nicht anbohren, nicht schleifen, nicht brechen, nicht selbst ausbauen. Bei Verdacht: Bereich in Ruhe lassen, Probe durch Fachleute nehmen lassen, Analyse im Labor abwarten, Ausbau durch dafür zugelassene beziehungsweise sachkundige Betriebe. Das gilt für alles, was in diesem Beitrag steht. Keiner dieser Stoffe lässt sich mit bloßem Auge sicher erkennen – weder von dir noch vom erfahrensten Handwerker.
Alle Zeitangaben sind Näherungen. Auf dem Land wurde verbaut, was im Lagerhaus noch da war – Restbestände hielten sich über jedes Verbot hinaus.
Übersicht
| Schadstoff | Zeitraum (Näherung) | Typische Fundorte | Warnzeichen |
|---|---|---|---|
| Asbest, fest gebunden | etwa 1930 bis 1993, Schwerpunkt 1960er–80er | Wellplatten, Fassaden- und Dachplatten, Fensterbänke, Blumenkästen, Lüftungs- und Abwasserrohre | grauer, harter Faserzement; an Bruchkanten feine Faserbüschel |
| Asbest, schwach gebunden | etwa 1950er bis 1980er | Pappen hinter Heizkörpern und Öfen, Dichtschnüre, Nachtspeicheröfen, Rückseite von Vinylbelägen, Brandschutzplatten | weich, pappig, faserig, grauweiß |
| Asbest in Böden, Klebern, Putz, Spachtel, Kitt | etwa 1950er bis 1993 | quadratische Vinylplatten, schwarze Kleber, Fliesenkleber, Spachtelmassen, Fensterkitt | von außen nicht erkennbar; harte, spröde Platten, oft 25 × 25 oder 30 × 30 cm |
| PAK (Teer) | bis in die 1970er, vereinzelt länger | Parkettkleber, Teerpappe, Teeranstriche, teerölgetränktes Holz | schwarz, teerig-stechender Geruch nach Bahnschwelle oder Mottenkugeln |
| Holzschutzmittel (PCP, Lindan, in Ostdeutschland auch DDT) | etwa 1950er bis Ende der 1980er | Dachstuhl, Holzdecken, Vertäfelungen, Balken, Fenster | Behandlungsvermerke, muffig-chemischer Geruch, vereinzelt weißliche Kristalle am Holz |
| Künstliche Mineralfasern, alte Generation | bis etwa Mitte der 1990er, Übergang bis 2000 | Dachdämmung, abgehängte Decken, Leichtbauwände, Rohrdämmung | gelbe, graue oder braune Wolle; ohne Herstellnachweis als alt einstufen |
| Blei | Rohre bis etwa 1970er (in Süddeutschland selten); Farben bis weit ins 20. Jahrhundert | Trinkwasserleitungen, alte Ölfarben auf Fenstern und Türen, orangerote Mennige | graues, weiches Rohr, geschwungen verlegt; dicke alte Lackschichten |
| PCB | etwa 1955 bis 1975 | dauerelastische Fugen, alte Kondensatoren in Leuchten, manche Anstriche | elastische Fugenmasse an Bauteilen dieser Zeit |
| Belastete Deckenschüttungen | etwa spätes 19. Jahrhundert bis 1950er | Schlacke, Asche, Bauschutt in Holzbalkendecken | schwarzes, porös-glasiges, grobkörniges Material |
Asbest
Asbest ist eine natürliche Mineralfaser: hitzefest, zugfest, billig – und krebserzeugend, wenn feine Fasern eingeatmet werden. Die Erkrankungen treten oft erst Jahrzehnte später auf. In Deutschland sind Herstellung und Verwendung seit 1993 verboten; Österreich und die Schweiz zogen die Grenze um 1990. Für die Praxis heißt das: In jedem Haus, das vor Mitte der 1990er gebaut oder umgebaut wurde, ist Asbest möglich. Besonders dicht ist das Feld in den Jahrzehnten, die unter 1960–1980: Wirtschaftswunder, Beton und Schadstoffe beschrieben sind.
Fest gebunden ist Asbest im Asbestzement: Wellplatten auf Stadel und Garage, kleinformatige Fassadenplatten an der Wetterseite, Dachplatten, Fensterbänke, Rohre. Intakt und unberührt geben diese Teile wenig Fasern ab. Kritisch sind Brechen, Bohren, Sägen, Bürsten und der Hochdruckreiniger; das Reinigen und Beschichten alter Asbestzementdächer ist verboten.
Schwach gebunden und damit deutlich gefährlicher sind Asbestpappen (hinter Heizkörpern, unter Fensterbänken, an Öfen), Dichtschnüre an Ofentüren und die Pappschicht auf der Rückseite mancher Vinylbeläge. Hier genügt schon eine geringe mechanische Beanspruchung, um viele Fasern freizusetzen.
Bodenbeläge und Kleber: Harte, quadratische Vinylplatten aus der Zeit von etwa 1950 bis 1980 enthalten häufig Asbest, der schwarze Kleber darunter ebenfalls – oder PAK, oder beides. Wer beim Freilegen alter Dielen auf solche Schichten stößt, hört auf. Mehr zum Bodenaufbau unter Böden im Altbau.
Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber, Fensterkitt: Erst seit einigen Jahren ist allgemein bekannt, dass auch diese Produkte bis in die frühen 1990er Asbest enthalten konnten – in geringen Anteilen, aber flächig. Beim Schlitzen für Elektroleitungen, beim Abschlagen von Fliesen oder beim Abschleifen von Wänden wird daraus feiner Staub. Das betrifft auch Häuser von 1850, die 1975 ein neues Bad bekommen haben.
Nachtspeicheröfen: Geräte bis etwa Ende der 1970er, teils darüber hinaus, können asbesthaltige Bauteile enthalten, manche zusätzlich weitere Schadstoffe. Nicht öffnen, nicht zerlegen; Typenschild fotografieren und den Ausbau einem Fachbetrieb überlassen.
Asbestarbeiten dürfen nur Betriebe mit nachgewiesener Sachkunde ausführen, bei schwach gebundenem Asbest mit behördlicher Zulassung. Die Gefahrstoffverordnung nimmt inzwischen auch private Bauherren stärker in die Pflicht, Auftragnehmern Informationen zu Baujahr und bekannten Schadstoffen zu geben. Den aktuellen Stand kennen Fachbetriebe und die Gewerbeaufsicht.
PAK und Teer
Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) stecken in allem, was aus Steinkohlenteer gemacht wurde; einige davon sind krebserzeugend. Im alten Haus sind das vor allem schwarze Parkettkleber unter Stab- und Mosaikparkett bis etwa in die 1970er, Teerpappen als Sperrschicht unter Böden, auf Dächern und im Mauerwerk, Teeranstriche in Keller und Stall sowie mit Teeröl getränktes Holz – am Stadel, an Zäunen oder als ausgediente Bahnschwelle im Garten.
Bitumen, das aus Erdöl stammt, sieht genauso schwarz aus, enthält aber nur wenig PAK. Unterscheiden kann das nur das Labor. Ein Hinweis auf Teer ist der stechende, an Mottenkugeln erinnernde Geruch.
Das Risiko entsteht vor allem über Staub: Bei altem Parkett mit offenen Fugen und versprödetem Kleber gelangen Partikel in den Hausstaub, beim Herausreißen erst recht. Ausbau und Entsorgung sind Sache von Fachbetrieben.
Alte Holzschutzmittel
Von den 1950ern bis in die 1980er wurden Dachstühle, Holzdecken, Vertäfelungen und Fenster großzügig chemisch behandelt – oft vorbeugend, oft auch in Wohnräumen. Die wichtigsten Wirkstoffe waren das Fungizid Pentachlorphenol (PCP, in Deutschland seit 1989 verboten) und das Insektizid Lindan, im Osten Deutschlands zusätzlich DDT. PCP war herstellungsbedingt mit Dioxinen verunreinigt. Die Stoffe gasen über Jahrzehnte langsam aus, binden sich an Hausstaub und reichern sich in Textilien und anderen Materialien im Raum an.
Hinweise sind Behandlungsvermerke – ein Schild am Dachstuhl, eine alte Rechnung –, dunkel lasierte Holzdecken aus den 1970ern, ein muffig-chemischer Geruch oder weißliche, kristalline Beläge auf der Holzoberfläche. Sicherheit bringen nur Material- und Staubproben.
Brisant wird das beim Dachausbau: Aus dem selten betretenen Speicher wird Wohnraum, die behandelten Balken liegen dann offen im Schlafzimmer. Die Sanierungsmöglichkeiten reichen vom Ausbau über das Abtragen der obersten Holzschicht bis zu absperrenden Beschichtungen und Bekleidungen. Was passt, legt ein Schadstoffgutachter fest. Vorher im Dachstuhl weder hobeln noch bürsten, noch trocken kehren.
Künstliche Mineralfasern alter Generation
Glas- und Steinwolle, die vor etwa Mitte der 1990er hergestellt wurde, gilt als krebsverdächtig, weil ihre Fasern im Körper lange beständig sind. Nach einer Übergangszeit darf in Deutschland seit dem Jahr 2000 nur noch Mineralwolle verkauft werden, deren Fasern sich im Körper rasch auflösen. Lässt sich das Herstelldatum nicht belegen, wird die Wolle als alt behandelt.
Eingebaut und abgedeckt ist sie unproblematisch. Beim Ausbau staubt sie stark; der gehört mit Schutzausrüstung, staubarmen Verfahren und verpackter Entsorgung in Fachhände. Typische Fundorte sind die Zwischensparrendämmung der 1970er und 80er, abgehängte Decken, Leichtbauwände und Rohrummantelungen.
Blei
Bleirohre wurden in Nord- und Ostdeutschland bis etwa in die 1970er verlegt; in Süddeutschland waren sie früh unüblich und sind entsprechend selten, aber nicht ausgeschlossen. Du erkennst sie am stumpfgrauen, weichen Metall, das sich mit einer Münze silbrig blank schaben lässt, an der geschwungenen Verlegung und an wulstigen Lötstellen; ein Magnet haftet nicht. Blei im Trinkwasser ist vor allem für Schwangere, Säuglinge und Kinder gefährlich. Nach der Trinkwasserverordnung müssen Bleileitungen entfernt oder stillgelegt werden; die Übergangsfrist dafür ist nach unserem Kenntnisstand Anfang 2026 ausgelaufen. Verbindliches erfährst du beim Gesundheitsamt. Der Austausch ist Arbeit für den Installateur, mehr dazu unter Elektro, Wasser, Abwasser erneuern.
Bleifarben: Bleiweiß war über Jahrhunderte das Standardpigment weißer Ölfarben, orangerote Bleimennige der übliche Rostschutz bis weit ins 20. Jahrhundert. Auf alten Fenstern, Türen, Vertäfelungen und Eisenteilen ist damit zu rechnen. Gefährlich wird es beim trockenen Schleifen und beim Abbrennen oder Abföhnen: Staub und Dämpfe sind giftig, für Kinder schon in kleinen Mengen. Alte Lackschichten deshalb vor der Bearbeitung prüfen lassen und die Aufarbeitung Fachbetrieben oder Restauratoren überlassen, die mit geeigneten Verfahren und Schutzmaßnahmen arbeiten.
PCB
Polychlorierte Biphenyle wurden von etwa 1955 bis 1975 als Weichmacher in dauerelastischen Fugenmassen eingesetzt, außerdem in Kondensatoren alter Leuchtstofflampen und in manchen Anstrichen. Das ist in erster Linie ein Thema von Beton- und Fertigteilbauten. Im Bauernhaus kann es den Anbau aus den 1960ern, Anschlussfugen an Fenstern oder alte Leuchten im Stall betreffen. PCB gast aus und belastet Raumluft und Staub; Beprobung und Ausbau sind Fachleistungen.
Belastete Deckenschüttungen
In Holzbalkendecken liegt zwischen den Balken eine Schüttung als Schall- und Brandschutz. In sehr alten Häusern ist das meist Lehm, Sand, Spreu oder Kalkschutt – staubig, mit Mäusedreck durchsetzt, aber chemisch harmlos. Ab dem späten 19. Jahrhundert und bis in die Nachkriegszeit wurde vielfach Schlacke und Asche aus Feuerungen und Industrie eingefüllt, nach 1945 auch Trümmerschutt. Solche Schüttungen können PAK und Schwermetalle enthalten.
Bleibt die Decke geschlossen und rieselt nichts, besteht meist kein Handlungsbedarf. Soll sie geöffnet werden, kommt vorher eine Probe ins Labor – schon weil die Einstufung über die Entsorgungskosten entscheidet. Den Aufbau erklärt Holzbalkendecken, Fehlboden und Schüttung.
Wer untersucht und wie das abläuft
Zuständig sind Sachverständige für Gebäudeschadstoffe, oft Ingenieurbüros mit eigenem oder angeschlossenem akkreditiertem Labor. Sinnvoll ist die Schadstofferkundung vor dem Kauf oder spätestens vor der Planung: Begehung mit Blick auf Baujahr und Umbauphasen, gezielte Proben aus Verdachtsbauteilen, bei Holzschutzmitteln und PCB zusätzlich Staub- oder Raumluftproben, Laborbericht, Bewertung, Sanierungs- und Entsorgungskonzept. Wie das in die gesamte Voruntersuchung passt, steht unter Bestandsaufnahme: wer prüft was?.
Ein Befund ist kein Weltuntergang, sondern Planungsgrundlage. Teuer wird es, wenn der Schadstoff erst auffällt, nachdem die halbe Baustelle kontaminiert ist.
Typische Fehler und fragwürdige Angebote
- „Das bisschen reiß ich schnell selbst raus”: Der häufigste und folgenreichste Fehler. Was bei der Eigenleistung geht und was nicht, entscheidet sich genau hier.
- Abschleifen, Abfräsen, Abflammen unbekannter Schichten: Parkett mit schwarzem Kleber, alte Lacke, Spachtelflächen. Erst prüfen, dann arbeiten.
- Asbestzement mit dem Hochdruckreiniger säubern oder überstreichen: verboten und wirkungsvoll im schlechtesten Sinn.
- Entsorgung im Hausmüll oder im normalen Bauschuttcontainer: Das ist rechtswidrig und gefährdet andere. Schadstoffhaltige Abfälle brauchen eigene Entsorgungswege.
- Handwerker, die abwinken: „Haben wir immer so gemacht” ist keine Analyse.
- Panikmache: Angebote für die Komplettsanierung ohne Laborbefund. Seriös ist: erst akkreditiertes Labor, dann Konzept, dann vergleichbare Angebote sachkundiger Betriebe.
Kurz gesagt
- Schadstoffe stammen meist aus Modernisierungen zwischen etwa 1950 und 1995 – auch im Haus von 1800.
- In Ruhe gelassen sind die meisten Stoffe wenig gefährlich. Das Risiko entsteht beim Bohren, Schleifen, Brechen und Ausbauen.
- Erkennen kann man sie nicht sicher, nur vermuten. Gewissheit bringt die Laborprobe, genommen von Fachleuten.
- Ausbau und Entsorgung sind Sache sachkundiger, bei Asbest teils behördlich zugelassener Betriebe – keine Eigenleistung.
- Schadstofferkundung gehört vor die Planung und am besten vor den Kauf.
- Bleirohre betreffen das Trinkwasser direkt: prüfen lassen, tauschen lassen, Gesundheitsamt fragen.