Wohnen, Tenne und Stall unter einem flachen Dach: Aufbau, Konstruktion und Eigenheiten des Einfirsthofs im Alpenvorland – und was das für die Sanierung heißt.
Das Haus, das auf jeder Oberbayern-Postkarte steht: breit gelagert, flaches Dach mit weitem Überstand, vorn Balkon mit Geranien, hinten eine Bretterwand von der Größe eines halben Fußballfelds. Hinter dem Postkartenbild steckt ein sehr durchdachtes Gebäude, das Mensch, Vieh und Futter über einen langen Winter unter einem Dach zusammenhält. Wer so ein Haus kauft, kauft deshalb immer zwei Dinge: ein vergleichsweise kleines Wohnhaus und eine sehr große Halle.
Wo er steht und warum er so aussieht
Der Einfirsthof prägt das südliche Oberbayern, grob vom Lech bis an die Salzach und vom Alpenrand bis etwa auf die Höhe von München. Innerhalb dieses Gebiets gibt es deutliche Spielarten – Werdenfelser Land, Tölzer und Miesbacher Oberland, Chiemgau und Rupertiwinkel bauen nicht gleich. Eine Ausnahme ist das Berchtesgadener Land, wo Wohnhaus und Futterhaus traditionell getrennt stehen (Zwiehof). Nach Norden, Richtung Donau, werden die Dächer steiler und die Höfe mehrteilig; dort war früher Stroh die übliche Deckung. Einen Überblick über die Nachbarformen gibt der Beitrag zu den Hofformen.
Die Logik dahinter: Das Alpenvorland ist Grünland. Viel Regen, lange Winter, wenig Ackerbau – also Vieh und Heu. Heu braucht Volumen, das Vieh will zweimal täglich versorgt werden, und bei einem Meter Schnee ist jeder Weg über den Hof einer zu viel. Holz war reichlich da, und aus Holz deckte man auch das Dach: mit Legschindeln, also lose aufgelegten, gespaltenen Brettschindeln, die mit Stangen und Steinen beschwert wurden. Solche Schindeln bleiben nur auf flachen Dächern liegen. Die berühmte flache Dachneigung ist also keine Stilfrage, sondern eine Folge der Deckung.
Aufbau: vorn Mensch, hinten Vieh
Ausrichtung. Der Wohnteil schaut meist nach Osten oder Süden, der Wirtschaftsteil nimmt das Wetter von Westen. Wo die Wetterseite doch am Wohnteil liegt, ist sie oft verschindelt oder verbrettert.
Wohnteil. Das Erdgeschoss erschließt ein Flur, der Fletz (auch Flez oder Hausgang). Je nach Gegend liegt der Eingang an der Traufseite oder mitten im Giebel. In der besten Ecke – meist Südost, mit Fenstern nach zwei Seiten – liegt die Stube mit Eckbank, Herrgottswinkel und Kachelofen, der von der Küche oder vom Fletz aus beheizt wird. Daneben oder dahinter die Küche, ursprünglich eine Rauchküche mit offenem Herd, dazu eine Kammer oder Speis. Im Obergeschoss liegen die Schlafkammern; über der warmen Stube die bessere. Vor dem Obergeschoss läuft die Laube, der Balkon, am Giebel entlang und oft um die Ecke; im Giebeldreieck sitzt manchmal eine zweite, die Hochlaube. Die Laube war Arbeits- und Trockenplatz, keine Sonnenterrasse.
Wirtschaftsteil. Direkt an den Wohnteil schließen Stall und Tenne an, häufig mit einer Tür vom Fletz in den Stall. Über dem Stall liegt der Heuboden. In Hanglagen führt eine Auffahrt, die Tennenbrücke oder Hocheinfahrt, direkt ins Obergeschoss, sodass der Heuwagen unters Dach fahren konnte. Der Wirtschaftsteil macht oft die Hälfte bis zwei Drittel der Gebäudelänge aus.
Dach. Ein flach geneigtes Satteldach, grob zwischen 18 und 25 Grad, als Pfettendach konstruiert: Kräftige Längshölzer (Pfetten) tragen die Sparren, die weit über Giebel und Traufe hinausreichen. Die Pfettenköpfe sind oft verziert, der Giebel trägt Zierbretter, und auf dem First sitzt manchmal ein Glockentürmchen. Legschindeln liegen heute nur noch auf wenigen Dächern; üblich sind Ziegel, Blech oder Faserzementplatten. Die Hintergründe stehen unter Dachdeckungen.
Konstruktion
Die ältesten erhaltenen Häuser sind vollständig aus Holz: der Wohnteil als Blockbau aus liegenden, an den Ecken verkämmten Balken, auf einem niedrigen Steinsockel. Weil Küche und Erdgeschoss am meisten unter Feuer und Feuchte litten, wurde das Erdgeschoss ab dem 17. und 18. Jahrhundert zunehmend gemauert, während das Obergeschoss hölzern blieb – die klassische Mischbauweise. Im 19. Jahrhundert setzt sich vielerorts der ganz gemauerte, weiß verputzte Wohnteil durch; Holz bleibt dann Laube, Giebelschalung und Dach vorbehalten.
Der Wirtschaftsteil ist fast immer ein Holzgerüst: Ständerbau mit senkrechter Bretterschalung, im Stallbereich gemauert. Im Osten, vom Chiemgau zum Rupertiwinkel und an Inn und Salzach, zeigt der Stadelteil oft Bundwerk, jenes sichtbare Gitter aus Ständern, Riegeln und Streben, mit dem Zimmerleute im 19. Jahrhundert zeigten, was sie konnten.
Im Werdenfelser Land, um Oberammergau und im Oberland kommt die Lüftlmalerei dazu: Fassadenmalerei auf Kalkputz, in ihrer Blüte aus dem 18. Jahrhundert. Wo sie alt ist, ist sie ein Fall für Restauratoren, nicht für den Malerbetrieb um die Ecke.
Typische Schwachstellen
- Schwellen und Sockel. Der unterste Balkenkranz des Blockbaus liegt nah am Boden. Wurde das Gelände im Lauf der Zeit angehoben, der Sockel mit Zement verputzt oder eine Terrasse anbetoniert, steht die Schwelle im Nassen und fault von unten.
- Naht zwischen Wohnteil und Stall. Die Wand zum Stall hat über Generationen Feuchte und Stallluft abbekommen. Mauerwerk ist hier oft mit Salzen belastet, Holz von Pilzen oder Insekten geschädigt.
- Dach. Ein Dachstuhl, der für Legschindeln gebaut und später mit schweren Ziegeln gedeckt wurde, kann überlastet sein – durchhängende Pfetten sind ein Warnzeichen. Bei flacher Neigung funktionieren viele Ziegel außerdem nur mit einem regensicheren Unterdach.
- Eingriffe der 1960er und 70er. Vergrößerte Fenster, Zementputz, Verkleidungen aus Faserzement, abgehängte Decken. Alte Faserzementplatten können Asbest enthalten: nicht brechen, nicht bohren, nicht selbst abbauen, sondern einen Fachbetrieb beauftragen.
- Raumhöhen. Um die zwei Meter in der Stube, in den Kammern oft weniger. Das hält warm, ist aber mit 1,90 Meter Körpergröße gewöhnungsbedürftig.
Was das für Kauf und Sanierung heißt
Den Wirtschaftsteil ehrlich einplanen. Die große Tenne ist der Grund, warum viele sich in so ein Haus verlieben – und der Grund, warum das Budget nicht reicht. Ausbauen heißt: Genehmigung, Statik, Brandschutz, Wärmeschutz, Belichtung in einer Hülle, die dafür nie gedacht war. Oft ist es klüger, den Wirtschaftsteil als kalten, trockenen Raum zu erhalten und nur das Dach in Ordnung zu bringen. Mehr dazu unter Stadel und Stall umnutzen.
Blockwände nicht einsperren. Eine Blockwand dämmt für ihr Alter ordentlich und reguliert Feuchte. Wer innen dämmt, nimmt kapillaraktive, diffusionsoffene Materialien wie Holzfaser oder Lehm und lässt die Finger von Folien und Schäumen. Fugen werden mit Naturfasern gestopft, nicht ausgeschäumt.
Schwellen tauschen lassen. Ein fauler Schwellenkranz lässt sich abschnittsweise ersetzen. Das ist klassische Zimmererarbeit mit Abstützung des Hauses – nichts für Eigenleistung, und vorher gehört ein Tragwerksplaner gefragt.
Dach als Ganzes denken. Neigung, Deckung, Unterdach, Lastreserven des Dachstuhls und Dämmung hängen zusammen. Bevor jemand ein Angebot für neue Ziegel schreibt, sollte klar sein, was der Dachstuhl tragen kann.
Denkmalschutz früh klären. Viele gut erhaltene Einfirsthöfe stehen in der Denkmalliste. Such das Gespräch mit der Unteren Denkmalschutzbehörde, bevor du planst – was förderfähig ist und was steuerlich geht, ändert sich und gehört mit Behörde und Steuerberatung geklärt.
Wer die Spielarten im Original vergleichen will: Im Freilichtmuseum Glentleiten stehen Höfe aus den verschiedenen Gegenden Oberbayerns nebeneinander, vom Blockbau bis zum gemauerten Haus.
Kurz gesagt
- Einfirsthof heißt: Wohnteil, Tenne und Stall unter einem First – entstanden aus Viehwirtschaft, langen Wintern und viel Holz.
- Das flache Pfettendach mit weitem Überstand kommt von der Legschindel; spätere schwere Deckungen können den Dachstuhl überfordern.
- Konstruktiv reicht die Spanne vom reinen Blockbau über die Mischbauweise bis zum gemauerten Wohnteil, der Wirtschaftsteil ist ein Holzgerüst, im Osten oft mit Bundwerk.
- Kritische Stellen sind Schwellen, Sockel, die Wand zum Stall und die Umbauten der Nachkriegsjahrzehnte.
- Der Wirtschaftsteil ist meist größer als der Wohnteil: Nutzung, Genehmigung und Kosten dafür vor dem Kauf klären.