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Bauweisen7 Minuten

Gewölbe, böhmische Kappen und Kappendecken

Licht

Tonne, Kreuzgrat, böhmische Kappe, preußische Kappe: wie gemauerte Decken tragen, woran sie leiden und was du nie wegnehmen darfst.

Ein Gewölbe ist eine Decke, die nur aus Druck besteht. Kein Balken biegt sich, kein Stahl zieht – Stein liegt auf Stein und stützt sich seitlich ab. Das funktioniert seit der Antike und hält in deinem Keller oder Stall vermutlich seit hundertfünfzig Jahren. Es funktioniert allerdings nur so lange, wie die Seiten nicht nachgeben. Wer das verstanden hat, hat das Wichtigste über Gewölbe verstanden.

Wie ein Gewölbe trägt

Ein Bogen leitet die Last schräg nach unten und außen ab. Am Fuß des Bogens entsteht deshalb neben der senkrechten Last ein waagrechter Gewölbeschub, der die Auflager auseinanderdrücken will. Aufgenommen wird er vom Widerlager: einer dicken Mauer, einem Nachbargewölbe, das dagegendrückt, oder einem eisernen Zuganker, der beide Seiten zusammenhält.

Ein paar Begriffe:

  • Kämpfer: die Linie, an der das Gewölbe auf der Wand ansetzt.
  • Scheitel: der höchste Punkt.
  • Stich: die Höhe zwischen Kämpfer und Scheitel. Je flacher das Gewölbe, desto größer der Schub.
  • Gurtbogen: ein kräftiger gemauerter Bogen, der ein Gewölbefeld begrenzt und Lasten auf Pfeiler oder Säulen bringt.
  • Schildwand: die Stirnwand, an der ein Gewölbe endet, ohne auf ihr aufzuliegen.
  • Zwickel und Auffüllung: Der Raum zwischen der gekrümmten Gewölbeoberseite und dem ebenen Fußboden darüber ist mit Schutt, Sand oder Schlacke aufgefüllt. Die Auffüllung ist kein Abfall. Ihr Gewicht stabilisiert die Gewölbeschale und verteilt Lasten.

Gemauert wurde über einem hölzernen Lehrgerüst, das nach dem Erhärten des Mörtels entfernt wurde; flache Ziegelkappen konnten geübte Maurer auch freihändig wölben. Der Mörtel war Kalkmörtel, das Material Bruchstein oder – je später, desto häufiger – Ziegel.

Die wichtigsten Formen

Form Aufbau Wo und wann typisch
Tonnengewölbe Halb- oder segmentbogenförmiger Querschnitt, der über die Raumlänge durchläuft; lagert auf den beiden Längswänden Keller, frühe Ställe, Vorratsräume; über Jahrhunderte gebaut, oft der älteste Teil des Hauses
Kreuzgratgewölbe Zwei sich rechtwinklig durchdringende Tonnen; die Schnittlinien bilden Grate, die Last läuft in die vier Ecken Flur (Fletz), Küche, Ställe auf Pfeilern; Pfarrhöfe, Wirtshäuser und größere Höfe, vor allem 17. bis 19. Jahrhundert
Böhmisches Gewölbe (böhmische Kappe, Platzlgewölbe) Flacher Ausschnitt einer Kugelschale über rechteckigem Feld, meist zwischen Gurtbögen; aus Ziegeln, oft nur einen halben Stein dick Ställe auf Stein- oder Gusseisensäulen, Flure, Keller; auf dem Land vor allem im 19. Jahrhundert
Preußische Kappe (Kappendecke) Flache Segmenttonnen aus Ziegeln zwischen parallelen Eisen- oder Stahlträgern, Spannweite je Kappe meist gut ein bis zwei Meter Ställe, Keller, Waschküchen, Werkstätten; etwa ab den 1870er-Jahren bis in die Zwischenkriegszeit

In Tonnen- und Kreuzgratgewölbe schneiden über Fenstern und Türen oft kleine Quertonnen ein, die Stichkappen. Beim böhmischen Gewölbe entsteht der ruhige, leicht aufgeblähte Eindruck, der viele Stallräume im Rottal und in Niederbayern prägt – mehr dazu beim Vierseithof in Niederbayern.

Die preußische Kappe ist ein Kind der Industrialisierung. Als gewalzte Träger erschwinglich wurden, ließen sich damit feuersichere und feuchtebeständige Decken rasch und mit wenig Bauhöhe herstellen. Auf dem Land hat man als Träger gelegentlich auch ausgediente Eisenbahnschienen verbaut. Der Schub benachbarter Kappen hebt sich gegenseitig auf; nur in den Randfeldern bleibt er übrig und wird über die Außenwand oder über Zuganker zwischen den Trägern aufgenommen. Abgelöst wurden die Kappendecken von Stahlsteindecken und schließlich von Stahlbeton.

Gewölbe erkennen, wenn man sie nicht sieht

Von unten ist ein Gewölbe kaum zu übersehen – außer es wurde eine Decke abgehängt, was in umgebauten Ställen und Küchen durchaus vorkommt. Hinweise von oben und von der Seite:

  • Dicker Bodenaufbau: Liegt der Fußboden im Obergeschoss auffällig hoch über der Raumdecke darunter, steckt dazwischen womöglich ein Gewölbe samt Auffüllung.
  • Rostige Streifen im Deckenputz in gleichmäßigem Abstand: die Unterflansche der Träger einer Kappendecke.
  • Sehr dicke Wände und Wandvorlagen im Erdgeschoss: Widerlager.
  • Eisenstangen quer durch den Raum oder Ankerplatten an der Fassade: Zuganker.
  • Im Keller: Der Gewölbekeller sitzt oft nur unter einem Teil des Hauses und kann älter sein als alles darüber – siehe Keller im alten Haus.

Feuchte, Salze, Rost, Wärme

Gewölbe stehen fast immer dort, wo es feucht ist: im Keller und im Stall. Dem Mauerwerk selbst macht das wenig aus, solange es abtrocknen kann. Die Probleme kommen mit den Begleitern.

Salze: In Stallgewölben sitzen Nitrate aus Jahrzehnten Viehhaltung. Sie ziehen Feuchte aus der Luft, zermürben Putz und Ziegeloberflächen und wandern, sobald der Raum beheizt wird. Vor jeder Umnutzung gehört eine Salzuntersuchung durch ein Labor – Hintergründe unter Salze und Ausblühungen.

Rost: Bei Kappendecken sind die Träger die Schwachstelle. Stallluft ist feucht und aggressiv, und die Trägerenden stecken in der oft feuchten Außenwand. Rost hat ein Vielfaches des Volumens von Stahl. Er sprengt die angrenzenden Ziegel ab und zehrt am Querschnitt. Blätternder Rost am Unterflansch ist ein Warnsignal, über das ein Tragwerksplaner urteilen muss – nicht der Malermeister.

Wärme: Ein Gewölbe über einem kalten Keller ist eine große Kältefläche. Wenn der Boden darüber ohnehin erneuert wird, lässt sich ein Teil der Auffüllung durch eine leichte, mineralische Dämmschüttung ersetzen – aber nur nach Rücksprache mit dem Statiker und gleichmäßig über die ganze Fläche. Von unten dicht beschichten oder mit Schaumplatten bekleben ist keine gute Idee: Der Keller bleibt feucht, und die Feuchte sitzt dann hinter der Platte.

Typische Schäden

  • Längsriss im Scheitel eines Tonnengewölbes: Die Widerlager sind ausgewichen, das Gewölbe hat sich flacher gelegt. Ursache können entfernte Querwände, Abgrabungen neben dem Haus oder nachgebende Fundamente sein.
  • Risse entlang der Schildwand: oft harmlos, weil Gewölbe und Stirnwand konstruktiv getrennt sind und sich verschieden bewegen.
  • Abgesackte oder verformte Kappen: durch Einzellasten von oben – eine neue Trennwand, ein schwerer Ofen, eine gefüllte Badewanne, ein Traktor auf dem Stallboden darüber.
  • Durchbrüche: Für Leitungen, Schächte und Treppen wurde gern ein Loch ins Gewölbe gestemmt. Je nach Lage ist das unkritisch oder gefährlich.
  • Durchnässte Auffüllung nach Wasserschäden: schwer, dauerfeucht, salzbelastet.
  • Abplatzender Putz und absandende Ziegel durch Salze und Frost.
  • Korrodierte Träger und durchgerostete Zuganker.

Wie du Rissbilder grundsätzlich einordnest, steht unter Risse und Setzungen lesen. Bei Gewölben gilt: Jeder Riss, der sich verändert, und jede sichtbare Verformung gehört zeitnah vor die Augen eines Tragwerksplaners mit Altbau-Erfahrung. Gewölbe kündigen ihr Versagen meist an, aber sie verzeihen es nicht, wenn man die Ankündigung ignoriert.

Sanierung: was geht, was du lassen solltest

Geht:

  • Putz reparieren oder erneuern, mit Kalkputz oder – bei nachgewiesener Salzbelastung und nach fachlicher Beratung – mit einem dafür geeigneten Putzsystem. Schlichte Kalkschlämmen sind historisch richtig und pflegeleicht. Was dabei zu beachten ist, steht unter Kalk.
  • Ausgebrochene Fugen mit Kalkmörtel schließen.
  • Träger von Kappendecken nach statischer Beurteilung durch einen Fachbetrieb entrosten und beschichten lassen; stark geschädigte Träger werden verstärkt oder ersetzt.
  • Risse nach Klärung der Ursache kraftschlüssig schließen lassen; bei Bedarf werden zusätzliche Zuganker eingebaut. Beides ist Spezialarbeit nach Plan.
  • Den Raum so nutzen, wie er ist: Ein Gewölbekeller ist ein hervorragender Lagerkeller und ein mäßiger Hobbyraum.

Lass es:

  • Wände unter oder neben Gewölben entfernen, ohne dass geklärt ist, ob sie Widerlager sind. Das gilt auch für unscheinbare Querwände.
  • Zuganker durchtrennen, weil sie im Weg sind. Sie sind der Grund, warum die Decke noch oben ist.
  • Die Auffüllung einseitig ausräumen. Ein Gewölbe, das auf einer Seite belastet und auf der anderen entlastet ist, verformt sich. Ausräumen, wenn überhaupt, nur nach Vorgabe des Statikers, gleichmäßig und abschnittsweise.
  • Neue Einzellasten aufs Gewölbe stellen, ohne die Tragfähigkeit prüfen zu lassen.
  • Zementputz, Dichtschlämmen und Dispersionsfarben auf feuchte, salzbelastete Gewölbe.
  • Putz abschlagen und Ziegel sandstrahlen, weil Sichtziegel gerade gefallen. Die Gewölbe waren fast immer verputzt oder geschlämmt. Freigelegte, weich gebrannte Ziegel sanden dauerhaft ab, und die gestrahlte Oberfläche ist offen für Salze.
  • Löcher für Leitungen nach Gefühl stemmen.

Kurz gesagt

  • Gewölbe tragen über Druck und schieben seitlich. Ohne Widerlager oder Zuganker kein Gewölbe.
  • Tonne und Kreuzgrat sind die älteren Formen, böhmische Kappen prägen die Ställe des 19. Jahrhunderts, preußische Kappen zwischen Stahlträgern die Zeit ab etwa 1870.
  • Die Auffüllung über dem Gewölbe gehört zur Konstruktion.
  • Hauptprobleme sind Salze im Stall, Rost an den Trägern und nachgebende Widerlager.
  • Wände, Anker und Auffüllung nie ohne Tragwerksplaner anfassen.
  • Oberflächen mit Kalk behandeln, nicht abdichten.

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